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Rezensionen - Daybreakers
 


Christopher Gordon
-

Ein halbes Jahrzehnt ist seit Salem's Lot, der letzten Filmvertonung des Australiers Christopher Gordon, ins Land gezogen – nach der 2004 fertiggestellten Musik zur TV-King-Verfilmung widmete sich Gordon zuerst einigen Konzertwerken (unter anderem seinem im September 2009 in Sydney uraufgeführten Hornkonzert ‚Lightfall’), bis er schließlich zum Jahreswechsel 2009/2010 mit gleich zwei neuen Projekten in filmmusikalische Gefilde zurückkehrte. Mit den Scores zu Bruce Beresfords Tänzer-Drama Mao's Last Dancer und dem futuristischen Vampir-Thriller Daybreakers von den Spierig-Brüdern (Undead) liefert Gordon nun zwei Filmmusiken, wie sie unterschiedlicher kaum ausfallen könnten.

Während Gordon mit Mao’s Last Dancer die wohl überzeugendste asiatisch inspirierte Filmmusik seit John Williams’ Memoirs of a Geisha (2005) vorlegt, haucht er im Falle von Daybreakers dem zeitgenössischen Horrorfilm-Scoring mit einer originellen, intelligent konzipierten Musik neues Leben ein. Für die musikalische Anlage der im Februar bis März 2008 komponierten Vertonung griff Gordon auf konzeptionelle Gedanken seines zu dieser Zeit noch nicht fertiggestellten Hornkonzerts ‚Lightfall’ zurück: in den Mittelpunkt seiner für großes Orchester, Chor, prominent besetztes Schlagwerk und (dezent eingearbeitete) Synthesizer angelegten Daybreakers-Partitur stellt Gordon dissonante oktatonische Strukturen bzw. eine achttönige Halbton-Ganzton-Skala (vgl. erster Satz ‚Lightfall’) und verknüpft diese thematisch mit der dystopischen Vampir-Welt im Jahre 2019, in der die wenigen überlebenden Menschen, die noch nicht zu Vampiren mutiert sind, in Anlagen gezüchtet werden, um die Blutversorgung der Vampire zu sichern. Gleich im zweiten Track „Nightfall“ führt Gordon diese als Vampir-„Thema“ verwendete Halbton-Ganzton-Tonalität in Form eines dissonant-brodelnden, unruhigen kanonischen Geflechts für Chorstimmen und Synthesizer ein - stilistische Ähnlichkeiten zu Gordons Salem’s Lot-Score sind hier (wie auch später, im wesentlich brachialeren „Drought“ (Track 11) für Chor und vier Hörner) nicht von der Hand zu weisen.

Über weite Teile der ersten Score-Hälfte bleiben jene oktatonisch geprägten Passagen das dominierende musikalische Element, sei es in Form düster-bedrückender Klangschichtungen à la „Nightfall“, oder aber in agitierteren Passagen wie „Subsider“, in denen Gordon die sich immer weiter intensivierenden, polyphonen Gesänge des Chors mit schrillen Streicherclustern, Harfen-Glissandi und akzentuierter Rhythmik der Pauken überblendet. Eher epische Wirkung entfalten dagegen Teile des Tracks „Blood Lust“, so etwa eine reizvolle, stufenförmige Staffelung der Chorstimmen gleich zu Beginn, welche erneut beweist, wie geschickt Gordon die Mehrstimmigkeit zur Erzeugung fesselnder, unmittelbar beeindruckender Klangwirkungen zu nutzen weiß.

Ein weiteres, der Vampir-Welt zugeordnetes musikalisches Merkmal des Scores ist die pointierte Verwendung des Schlagwerks: der in besonderem Maße betonte Einsatz der Pauken in „Subsider“ weist hier bereits voraus auf rein perkussiv gestaltete Passagen in „On the Run“ oder „Ambush“, in denen die umfangreich besetzte Schlagwerk-Batterie voll zur Geltung kommt. Geschickt gruppiert Gordon die verschiedene Percussion nach ihrem jeweiligen Klangcharakter und setzt überdies interessante Kontraste zwischen den punktuellen Klängen der geschlagenen (Pauke, Tom-Tom) und den eher flächigen Klängen der geriebenen Schlaginstrumente (Becken, Rasseln) - was zumindest ansatzweise das Konzept von Edgard Varèses Schlagzeug-Komposition ‚Ionisation’ aus dem Jahr 1931 ins Gedächtnis ruft.

Die dunkle Oktatonik der ersten Score-Hälfte, die nur vereinzelt von einem tragisch-resignativen, dissonant eingefärbten Moll-Motiv für die unterjochten Menschen durchbrochen wird („Humans“, zweite Hälfte von „On the Run“), beginnt sich ab Track 7, „The Winery and the Cafe“, langsam aber stetig aufzuhellen. In besagtem Track stellt der Komponist der oktatonischen Vampirwelt-Musik erstmals den diatonischen (Dur/moll-tonalen) zweiten Themenkomplex der Partitur gegenüber: zuerst verhalten in den Streichern, schließlich zart von Oboe vorgetragen, entfaltet sich ein tröstendes, hoffnungsvolles Thema für die im Untergrund agierende Widerstandsgruppe, die sich der Vampir-Gesellschaft widersetzt und im Geheimen an einem Heilmittel gegen die durch ein Virus verursachte Massen-Vampirmutation arbeitet. Die Tracks „Fermentation Tank“ und „Resurrection“ präsentieren schließlich dynamische Steigerungen dieses neuen, hell-hoffnungsvollen Themas (letzterer garniert es mit effektvollen Einwürfen des schweren Schlagwerks) sowie erstmals prägnant hervortretende, an Goldenthal gemahnende Minimalismen im Streichersatz, welche der Komponist selbst als „Heilungs“-Motive („cure to vampirism“) bezeichnet. In ihrer relativ einfachen Dreiklangs-Melodik stellen jene minimalistischen Elemente den ohrenfälligsten, wenn auch plakativsten Kontrast zur Oktatonik der Vampir-Musik dar.

In den vier letzten Score-Tracks des Albums (vom knapp siebenminütigen, beeindruckenden Steigerungssatz „In the Sun“ bis hin zum finalen „Daybreak“) häufen sich schließlich direkte Konfrontationen und Vermischungen von oktatonischem mit (immer stärker in den Vordergrund tretendem) menschlich-diatonischem Themen- und Motivmaterial
die noch oktatonischen Choräle des (teils gedämpften) Blechs in „Blood Brothers“ und „Spreading the Cure“ bekommen plötzlich warme harmonische Färbungen und im elfminütigen „Spreading the Cure“ zieht Gordon schlussendlich alle Register:

Die den Track einleitenden, oktatonischen Vampir-Motive werden hier nun vom Solo-Cello vorgetragen
ein Instrument, welches vorher ausschließlich mit der musikalischen Sphäre der Menschen in Verbindung gebracht wurde (siehe hierzu das tragisch-resignative Moll-Motiv in „Humans“). Der nun warm und menschlich klingenden Oktatonik wird nach einigen Takten ein prägnanter Orgelpunkt in den Bässen beigefügt, was die zunehmende „Vermenschlichung“ der Musik durch Grundton-basierte Diatonik noch stärker unterstreicht. Kurz darauf kippt die Komposition wieder in brachiale oktatonische Klangballungen zurück, denen jedoch rasch die Dur-/moll-tonalen Minimalismen (bekannt aus den Tracks Fermentation Tank" und „Resurrection“) entgegengesetzt werden. In Form mitreißender, kanonisch gestaffelter Bläsersätze gewinnen jene minimalistischen „Heilungs“-Motive schließlich die Oberhand und vertreiben die düstere Oktatonik endgültig aus der Vertonung. Den finalen „Daybreak“ beginnt Gordon mit heroisch anmutenden Variationen des zentralen Hoffnungsthemas, begleitet von antreibender Percussion  ein letztes Aufbäumen der oktatonischen Halbton-Ganzton-Skala in den Streichern führt Gordon schnell wieder zurück in einen diatonischen, warmen, an Barber erinnernden Streichersatz und beschließt den Track letztlich mit einer schier endlos aufsteigenden Dur-Tonleiter, die in einem reinen, lichtdurchfluteten Dur-Akkord endet.

Aus konzeptioneller Sicht liegt mit Gordons Daybreakers-Musik schlussendlich eine der wohl durchdachtesten Filmkompositionen für einen Mainstream-Horrorthriller seit langem vor. Den Kontrast von oktatonischem und diatonischem Material (als musikalische Versinnbildlichung des Konflikts zwischen Vampiren und Menschen) bettet der Komponist in ein sich kontinuierlich „aufhellendes“, auf eine erlösende Apotheose zustrebendes Gesamtkonzept ein
vom „Nightfall“ zum „Daybreak“, durch Dunkelheit zum Licht, „per aspera ad astra“. In Verbindung mit der satztechnischen (und vor allem kontrapunktischen) Raffinesse, mit der Gordon bei der Komposition nahezu aller seiner Filmmusiken zu Werke geht, ergibt sich mit Daybreakers somit ein erstes echtes Highlight für das noch junge Filmmusik-Jahr 2010, das dem aktuellen Output der meisten US-amerikanischen Filmkomponisten im Allgemeinen und vielen Filmvertonungen innerhalb des Horrorgenres im Speziellen weit überlegen ist.

Übrigens: Für diejenigen, die sich mit Gordons kompositorischem Schaffen und den Wechselbeziehungen zwischen seinen Filmmusiken und Konzertwerken näher befassen wollen, dürfte Gordons persönlicher Blog zur Entstehung seines Hornkonzerts viele aufschlussreiche Informationen bereit halten.

Link: www.hornconcerto.net



Sebastian Schwittay, 12.02.2010


Details zum Soundtrack



I. Die Musik

4.5 von 6 Punkten


I. Die Alben

-OST-

Spielzeit:
6 von 6 Punkten
Klangqualität:
5 von 6 Punkten
Schnitt:
5 von 6 Punkten
Begleittexte:
4 von 6 Punkten

Unterhaltung:
4 von 6 Punkten
Anspruch:
5 von 6 Punkten


Letzte Änderung: 14.08.2010 | Webmaster: Jonas Uchtmann | © Layout dieser Website by Adrian Werner & Jonas Uchtmann, 2002–2010.