Jerry Goldsmith -
Und hier kommt des Raisulis Kontrahent ins Spiel: Theodore Roosevelt, amtierender und seit George Washington beliebtester US-Präsident. Er ist mitten im Wahlkampf und setzt alles daran, die Familie Pedecaris zu befreien. Teddy Roosevelt wird im Film als ein großes Kind porträtiert, das gerne schießt und jagt. „Pedecaris alive or Raisuli dead“ – mit dem Motto will er nicht nur Raisuli drohen, sondern auch Wählerstimmen gewinnen. Um deutlich zu machen, dass es nicht nur heiße Luft ist, entsendet er die US-Flotte vor die Küste Marokkos. Der Konflikt spitzt sich weiter zu, denn den Diplomaten gelingt es nicht, die Familie aus der Gewalt des Raisulis zu befreien, trotzt vieler Geschenke an den Sultan, der sie hätte befreien können. Da der Pascha, der eigentliche Fadenzieher der marokkanischen Politik, in Tanger residiert und dort keine europäische Militärpräsenz vorhanden ist, nehmen die Marinetruppen der Vereinigten Staaten die Stadt kurzerhand ein. Die Diplomaten und Offiziere sind sich des Risikos durchaus bewusst, dass daraus ein Weltkrieg entstehen könnt. Schließlich gelingt es den Diplomaten mit Hilfe eines V-Mannes (einem anderen selbsternannten Herrscher in der Region) mit Raisuli einen Treffpunkt für die Übergabe auszumachen.
Mit seiner Musik zu The Wind And The Lion schuf Jerry Goldsmith eine seiner beliebtesten und packendsten Filmmusikpartituren. Allem voran besticht die Musik durch ihr einprägsames sowie mitreißendes Thema, das durch einen Quintsprung aufwärts geprägt ist. Bereits im „Main Title“ eingeführt und von Trommeln und Schellen unterlegt, wird die Quintsignatur zunächst zwischen den Hörnern und Trompeten hin und her geworfen, bevor die Hörner das Thema in seinem ganzen Heros ausspielen. Dabei werden sie von Perkussions- und Trompetenakzenten begleitet, bis das Thema von den Streichern aufgenommen wird, welche vorher nur leise und unscheinbar das Hornsolo untermalt hatten. Nun liefern die Hörner das harmonische Grundgerüst, bis die Trompeten das Thema – leicht variiert – wieder aufgreifen. Im folgenden Track, „The Horsemen“, arbeitet der Komponist ausschließlich mit Schlaginstrumenten, wie Bongos, unterschiedlichen Glocken und weiteren Trommeln. Diese nahm er separat auf und schichtete sie übereinander, sodass sich ein komplexes rhythmisches Gefüge ergibt (im Film ist zudem ein Synthesizer zu hören, der aber auf den Master Tapes des Albums nicht vorlag).
Die Musik gewinnt zudem durch ihre zahlreichen und geschickten Variationen des Hauptthemas: Nach dem ersten kraftvollen Statement in den „Main Titles“ wird das Thema viel sanfter und ruhiger präsentiert – im Film ist dies die Szene, in der Raisuli die lachende Mrs. Pedecaris schlägt („The Raisuli / Mr. President“). Besonders in den Actionpassagen der Musik kommt es oft heroisch und martialisch daher. „Raisuli Attacks / Guests Of Raisuli“ eröffnet mit den Quintsprüngen, bis dann eine Trompete ein jazzig angehauchtes Motiv spielt – und dann wirklich die Post abgeht: Streicherläufe heizen die Stimmung an und Goldsmith bietet dem Hörer sein äußerst stürmisches Actionthema dar. Nach einem dissonanten Cluster, gespielt von sechs Hörnern, sorgen die perkussiven Elemente (Trommeln, Schellen, Glocken, etc.) sowie schrille Trompetenglissandi für Auffuhr, bevor anschließend heroisch und von furiosen Streichern begleitet das Hauptthema in Erscheinung tritt. Ähnlich gestaltet sich auch der finale Actioncue „A Bid For Freedom“: tiefe Trommeln eröffnen das Actiongewitter, in dem Blechglissandi und eine temporeiche Darbietung des Actionthemas von der Klarinette Blitz und Donner symbolisieren. Dann tritt das heroische Thema für den Raisuli in den Vordergrund und der Track klingt mit dem Liebesthema aus. Eben dieses Liebesthema vernimmt man erstmals in „Lord Of The Riff“, hier allerdings noch zart und zerbrechlich. Besonders klangschön stellt es sich in „Times Remembered“ dar: Es ist hier prägnant, mitreißend, emotional, leidenschaftlich und ergreifend zugleich. Auch besticht es hier durch eine warme Instrumentierung mit einer 12-Saiten-Gitarre, die die Klarinette begleitet. Mit klischeehaft kitschig hohen Streichern gibt es das Thema selbstverständlich auch zu hören („I Remember“); hier wird die leicht orientalisch latente und romantische Melodie zur Gänze ausgespielt, wobei auch Trompeten und Hörner ihren Teil dazu beitragen, es noch packender zu gestalten.
Der sich als überaus facettenreich herausstellende Score hat aber noch einiges mehr zu bieten. Um mysteriös-dissonante Klänge zu erzeugen wird ein Gummiball über die Saiten des Pianos gerieben, was einen „gähnenden“ Klang hervorbringt. Das sorgt, in Kombination mit den leise flimmernden Streichern und der spärlich verwendeten Perkussion, für eine unheimliche, fremdartige Atmosphäre („The Blue People“). Die Suspensepassagen der Musik untermalt Goldsmith ähnlich: dissonante Holzbläser, dezente Streicher und dazu Trommeln und Gitarre kreieren einen knisternden Tonus. Unter den ‚ethnisch’ inspirierten Partituren im Schaffen Goldsmiths markiert The Wind and the Lion einen Meilenstein, und das nicht nur wegen der Themenvielfältigkeit, sondern auch wegen ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität. Nie zuvor sind in der Filmmusik westliche Sinfonik und Versatzstücke arabischer Musik zu einer im Ergebnis derart furiosen und dynamischen Einheit gebracht worden. Intrada sei an dieser Stelle herzlich für die komplette Veröffentlichung in guter Klangqualität gedankt. Auf der zweiten CD befindet sich das originale Album und Source Cues sowie Marine Drums. Die Filmmusikwelt ist mit der Veröffentlichung dieser herrlichen Filmmusik sicherlich ein Stück reicher geworden. War also alles umsonst? Nein, das war es nicht. Raisuli hat im Laufe der Handlung gelernt, mit anderen Kulturen umzugehen, Mrs. Pedecaris und Theodore Roosevelt ebenfalls. Inmitten dieses Epos’ lässt sich also eine schöne Geschichte über den Zusammenprall zweier Kulturen finden. Mit ein bisschen Geduld und Toleranz konnten Missverständnisse und Probleme aus dem Weg geräumt werden und Verständnis für die Lebensweise des anderen aufgebracht werden. Wie schön es doch wäre, wenn so etwas nicht nur im Kino passierte. Details zum Soundtrack I. Die Musik
I. Die Alben -OST-
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Währenddessen hat der gebieterische Raisuli mit seinen Geiseln so seine Probleme. Als Raisuli ein Pferd besteigt und dieses ihn abwirft, bricht Eden Pedecaris in schallendes Lachen aus, was mit einer Ohrfeige des Wüstenherrschers bestraft wird. Der Zusammenprall der so unterschiedlichen Kulturen scheint zunächst nichts Gutes zu prophezeien. Die amerikanische Familie ist entsetzt darüber, dass Raisuli einen Diener als Trittbrett benutzt, um sein Ross zu besteigen, Männer exekutiert, nur weil sie aus seiner Quelle getrunken haben, oder sich (vorerst) spöttisch gegenüber dem in den USA so populären Präsidenten Roosevelt äußert. Mrs. Pedecaris lässt sich von ihrem (wahrscheinlich) christlichen Glauben zwar in ihrem Handeln beeinflussen, steht aber – anders als Raisuli – nicht offen dazu, wodurch sie einen typisch westlich geprägten Charakter widerspiegelt. Das Stockholmsyndrom, also die These, dass sich Geiselnehmer und Geisel im Verlaufe der Geiselnahme immer näher kommen, tritt auch hier in Kraft. Besonders William, Edens Sohn, sieht in dem charismatischen Tyrann sogar eine Art Vater, den er wohl nie gehabt hat. Auch mit der Tatsache, vielleicht immer als Räuber und Diebe in der Wüste zu leben, kann sich das Geschwisterpaar gut abfinden. Ihre Mutter hingegen hat sich schon damit abgefunden, in der öden und trockenen Wüste zu sterben. Als ihr Raisuli jedoch offenbart, dass er gar nicht vor hat, sie zu töten und sie seine Gäste sind, bricht auch bei der selbstbewussten Dame das Eis und sie sieht in ihm keinen tyrannischen Terroristen mehr. Als Raisuli sie und ihre Kinder nach einem gescheiterten Fluchtversuch vor unheimlichen Wüstenmenschen rettet, beginnt sie, eine emotionale Bindung mit romantischen Zügen aufzubauen.
Am Ende reitet der Raisuli samt Gefolge mit der Familie zu dem mit den Diplomaten vereinbarten Treffpunkt und es wird deutlich, dass auch er sie zu schätzen gelernt hat. An dem Küstendorf angelangt, werden Eden und ihre Kinder von den US-Truppen beschützt, wohingegen der Raisuli scheinbar von seinen Gefolgsleuten im Stich gelassen wird und von den Deutschen gefangen genommen wird. Nachts überwältigt Mrs. Pedecaris ihre tapferen Bewacher, denn sie will Raisuli befreien. Die mutigen Mannen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten schließen sich ihr jedoch an und sie kämpfen gegen die Deutschen; glücklicherweise treffen die Anhänger des Raisuli ein und die „Guten“ sind in der Überzahl (wer sich den Film in der Originalversion anschaut, wird neben den englischen und arabischen Ausrufen auch deutsche Militärfloskeln wie „Auf eure Posten“ oder „Schießt!“ hören). Nach dem Sieg über die deutschen Truppen bricht kein Weltkrieg aus, die Pedecaris kehren nach Amerika zurück, Raisuli herrscht noch immer über seinen Wüstensand und Theodore Roosevelt schießt immer noch mit seiner Winchester. War also alles umsonst?
Was die Musik so interessant macht, sind die vielen kleinen Nebenthemen, die sich fast alle vom Hauptthema ableiten. So gibt es bereits im dritten Titel, „The Horsemen Arrive“, gleich zwei neue Melodien zu entdecken: eine fröhlich-verspielte und eine eher düster-bedrohliche. Die Quintsprünge sind in beiden Subthemen zu hören, das zweite wird von einer rauen Solo-Trompete gespielt und von furiosen Streicherläufen und Glockenschlägen begleitet. Dann flaut das Tempo etwas ab und die Streicher sorgen nun für Ruhe, die aber nicht lange währt; erneut sind die Quintsprünge zu hören, diesmal sogar noch kraftvoller und energiegeladener. Etwas ruhiger und weniger hektisch präsentiert sich das Thema für die Anhänger des Raisuli in „Morning Camp“. Das morgendliche Erwachen in der weiten Wüste untermalt Goldsmith mit impressionistischen Klängen (leise Trommeln und Flötensoli), bis sich aus ihnen heraus langsam aber sicher das Thema herausschält. Es ist langsamer, ruhiger und bietet viel orientalisches Flair. Wieder einmal gelingt es dem Komponisten hervorragend zum Hauptthema überzuleiten, das nun von Klarinetten und Streichern dargeboten wird.
Da die Entführung der amerikanischen Familie in den USA bekannt wurde, sieht sich Teddy Roosevelt dazu gezwungen, zu intervenieren. Sein musikalisches Leitmotiv ähnelt zunächst dem seines Kontrahenten, da beide mit dem markanten Quintsprung beginnen, aber es entwickelt sich ganz anders weiter. Die Melodieführung ist wegen der wohlklingenden Celli wärmer und hat gar einen gewissen Americana-Touch. „The Letter“ bietet es ausnahmslos klangschön und hier gelingt Goldsmith erneut ein besonders gelungener Übergang zum Thema des Raisuli. Eine ähnlich geniale und pompöse Überleitung findet sich zwischen den Titeln „No Respect / True Symbol“. Pompös ist das Roosevelt-Thema auch in „The Fleet’s In“: Nach militärischen Perkussionen gibt es eine schöne Variation des Themas, die wegen der Terzdifferenzen in den verschiedenen Instrumentengruppen (Hörner und Trompeten) sonor ist.