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Rezensionen - Sinfonische Suiten
 


Hans-Martin Majewski
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Wer die Filmmusik Hans-Martin Majewskis schätzt, hat im Moment keinen Grund zum Klagen: Neben dem lesenswerten Komponistenporträt aus dem Jahr 2010 und dem ambitionierten 6-CD-Set von Alhambra-Records (2011) erfuhr die – noch immer – allzu schmale Majewski-Diskografie kürzlich eine weitere hoch willkommene Ergänzung. Die Breite im kompositorischen Ausdrucksspektrum, aber auch die dramaturgische Expertise des in Pommerm geborenen Komponisten wurde im 6-CD-Set besonders eindrucksvoll unterstrichen. Von mal experimentellen (Schachnovelle), mal traditionelleren sinfonischen Konzepten (An heiligen Wassern – beide 1960) bis zur zeitgenössischen Jazz- (Ohne Dich wird es Nacht – 1958) und Popularmusik (Schloss Gripsholm – 1963) ist sie auch für das große handwerkliche Können des Komponisten ein Beleg. (Dass die beschriebene Vielfalt – auch in instrumentatorischen Fragen – nicht immer dem dramatischen Gestaltungswillen des Komponisten, sondern teils auch den recht bescheidenen Produktionsbedingungen des bundesdeutschen Nachkriegsfilms geschuldet waren, verdeutlicht Michael Boldhaus’ ausführliche Rezension zum Alhambra-Set auf Cinemusic.)

Die aktuelle Zusammenstellung mit dem Titel „Sinfonische Suiten“ ist Ende vergangenen Jahres beim Berliner Label duo-phon veröffentlicht worden. Dort war vor neun Jahre bereits die Kompilation „Filmwalzer“ erschienen, die veranschaulicht, zu welch imponierender stilistischer Vielfalt Majewski allein im Dreivierteltakt fähig war. Primär den Sinfoniker Majewski nimmt nun die zweite duophon-Veröffentlichung in den Mittelpunkt; das insgesamt einstündige Album enthält vier längere, 11–15-minütige Suiten aus den Filmen Der Weg zu Dir (1952), Herr über Leben und Tod (1955), Liebe 47 (1948) und Der Fuchs von Paris (1957). Außerdem sind jeweils ein Track aus den Filmen Tobias Knopp – Abenteuer eines Junggesellen (1950), Urlaub auf Ehrenwort (1955) sowie aus der Bühnenmusik Der blaue Vogel (1968) vertreten. Tobias Knopp verschafft zumindest einen kurzen Einblick in die von Mickey Mousing durchzogene Komödienmusik zum Zeichentrickfilm nach Wilhelm Busch, während der Ausschnitt aus Ehrenwort einen langsamen Konzertmarsch vorstellt. Die Bühnenmusik zum Blauen Vogel tendiert wiederum eher ins leichte Fach, ist aber ebenso tadellos komponiert.

Die jetzt erschienene Zusammenstellung weist mit dem Alhambra-Set einige inhaltliche Übereinstimmungen auf: Musik aus Liebe 47, Herr über Leben und Tod und Der Fuchs von Paris ist auch dort enthalten: zwar bedingt durch die filmchronologische Wiedergabe weniger auf den optimalen Hörfluss abgestimmt, dafür aber in zum Teil vollständiger Form. In punkto Klangqualität unterscheiden sich die Fassungen beider Veröffentlichungen kaum voneinander; insgesamt rangiert das ausschließlich monaural präsentierte Material durchgängig im befriedigenden bis guten Bereich. Im Booklet der duo-phon-CD finden sich neben einer kurzen biografischen Skizze jeweils einführende – auch im Komponistenporträt enthaltene – Anmerkungen Majewskis.

Besonders bedeutend ist diskografisch wie musikalisch die nun erstmals in kommerzieller Veröffentlichung vorliegende „Suite 52“. Diese besteht aus sieben Nummern der Filmmusik zum in Vergessenheit geratenen Drama Der Weg zu Dir, das von einem in der DDR lebenden protestantischen Flüchtlingsseelsorger handelt, den erst die Zuneigung einer Todkranken wieder zu seinem Glauben zurückfinden lässt. Majewski schuf zu dem eher beklemmenden Szenario eine klassizistisch strenge, im Tonfall der Klassischen Moderne gehaltene Partitur. Das skalenartig aufsteigende Hauptthema der Musik steht, sicherlich als Referenz an den Protagonisten beabsichtigt, in der Kirchentonart Dorisch. Mit dem Thema wird von Anfang an intensiv gearbeitet, wobei es den Score auch in breit ausschwingender Manier eröffnet und. Die erst im Anschluss vorgestellte Grundform des Themas entpuppt sich als Fortspinnungsmotiv, als ein melodisch flexibles Gebilde, das, einmal in Gang gesetzt, beliebig weitergeführt werden kann. Das – ursprünglich barocke – melodieformende Verfahren führt im Score zu einer häufig polyphonen Satztechnik, die im finalen Satz, einem klimaktisch angelegten Fugato, besonders deutlich hervortritt. Immer wieder referenziert die Musik in ihren vielen Zäsuren von Instrumentation, Dynamik, Tempo (vgl. die Satzbezeichnungen) und der Tendenz zur Aufspaltung des melodischen Materials die Zerrissenheit des Protagonisten, immer wieder erfolgen auch schroffe Einwürfe der Blechbläser und unerwartete formale Wendungen. Vereinzelt gibt es allerdings auch von Streichern oder Holzbläsersoli getragene Ruhepunkte. Diese sind mal melancholischer („Larghetto“), mal verhalten optimistischer Natur („Larghetto“), wobei sich letzterer Affekt meist binnen kurzem wieder eintrübt.

Die „Sinfonischen Szenen“ aus der Musik zur Zuckmayer-Verfilmung Herr über Leben und Tod sind im Charakter überwiegend – und zwar geradezu hollywoodesk – romantisch gehalten. Der Film handelt von einer Arztfrau, die gemeinsam mit ihrem schwerkranken Kind ihr Heim verlässt, als der Vater dieses mit Gift „erlösen“ will. Aus dem mit Maria Schell in der weiblichen Hauptrolle prominent besetzten Drama wurden, wie Majewski berichtet, viele Dialogstellen zugunsten des Musikeinsatzes gestrichen – ein höchst ungewöhnliches Vorgehen, das angesichts der melodischen Qualitäten des ebenso anrührenden wie ohrwurmartigen Hauptthemas allerdings einigen Sinn zu ergeben scheint. Auch diese Musik – oder korrekter: die hier vorgestellte Auswahl – besteht zu einem Teil aus Variationssätzen über dem Hauptthema. Neben seiner besonders gefühlvollen Ausgangsform, das mit einem Hauch von Alfred Newman im Violinentutti mit hinzutretendem Streicherkontrapunkt vorgetragen wird („Mutter und Kind“), vermag auch die kanonische Behandlung („Zuflucht”) zu beeindrucken. Majewski wäre allerdings nicht Majewski, wenn er nicht gelegentlich, gleichsam collagierend, dodekaphone Einsprengsel selbst in den melodischen Partien dieser Partitur unterbringen würde.

Wie schon im Falle von Der Weg zu Dir verraten auch die „Sinfonischen Skizzen 47“ ungefähr den Entstehungszeitpunkt des ihnen zugrunde liegenden Films, nämlich Wolfgang Liebeneiners Liebe 47 (mit Hilde Krahl und Karl John in den Hauptrollen). Dem Regisseur mit seiner Verfilmung – oder eher Bearbeitung – von Wolfgang Borcherts ‚Draußen vor der Tür‘ ein bedeutender Eintrag in die Gattung des Trümmerfilms. Die trotz der Unzulänglichkeiten der Nachkriegszeit mit dem großen NWDR-Sinfonieorchester aufgenommene Musik gehört zu den quantitativ umfangreicheren, auch kompositorisch komplexen Partituren des Komponisten. Sie ist überwiegend straussianisch-spätromamtisch gehalten, mit gelegentlichen expressionistischen Ausbrüchen. Das Ensemble der farbig instrumentierten Partitur ergänzt – und dies ist für die späten 40er selbst im internationalen Kontext beachtlich – ein Mixtur-Trautonium, das vor allem in den surrealen Traumsequenzen des Films hervortritt („Das Gewissen“). Mit seinem verstörendem Timbre übernimmt es häufig die Melodieführung der schwermütigen, von seltsam neurasthenischen Walzern geprägten Musik.

Die „Pariser Impressionen“ schließlich entstammen Paul Mays Spionagethriller Der Fuchs von Paris mit Hardy Krüger. Entsprechend dem Handlungsort, dem von den Deutschen besetzten Paris, bildet ein Musette-Walzer das melodische Zentrum der Partitur, das zwar gelegentlich klischeegerecht vom Akkordeon vorgetragen wird, jedoch meist – mal mehr, mal weniger stark – verfremdet wird, besonders wirkungsvoll im finalen „Danse macabre“, wo es mit einem kontinuierlich gesteigerten abwärts führenden Ostinato unterlegt wird. Die sorgfältig auskomponierten Actiontracks werden von motorischen Streicher- und Bläserostimati, mit deutlichem Stravinskij-Einschlag, sowie teils auch signaturhaft verwendeten Akkordschlägen unter Führung der Trompeten geprägt.

Für das sorgfältig produzierte Album erscheint eine Musikwertung von 4,5 Punkten als arithmetisches Mittel angemessen. Allen, die nur ein Fünkchen Interesse an Hans-Martin Majewski und westdeutscher Nachkriegsfilmmusik verspüren, sei dieses Album somit sehr ans Herz gelegt. Vor der ersten Begegnung mit Majewski sollte auch der bislang primär mit Hollywoodsinfonik vertraute Hörer nicht zurückschrecken: Wer auch an amerikanischer Filmmusik des Silver Age, also der 60er und 70er Jahre, Gefallen findet, dürfte hier kaum Gewöhnungsprobleme haben. Zur ersten Begegnung mit dem Komponisten lädt das Album (wie auch das Alhambra-Set) somit besonders ein.


Jonas Uchtmann, 19.01.2013
Details zum Soundtrack



I. Die Musik

5 von 6 Punkten


I. Die Alben

-OST-

Spielzeit:
6 von 6 Punkten
Klangqualität:
3 von 6 Punkten
Schnitt:
4 von 6 Punkten
Begleittexte:
5 von 6 Punkten

Unterhaltung:
5 von 6 Punkten
Anspruch:
5 von 6 Punkten


Letzte Änderung: 19. 1. 2013 | Webmaster: Jonas Uchtmann | © Layout dieser Website by Adrian Werner & Jonas Uchtmann, 2002–2013.