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Rezensionen - House of Cards
 


James Horner
-

Kinderfilme haben in der Regel die Absicht, das jüngere Publikum zu bespaßen und zu unterhalten. In den 90er Jahren war dabei ein kleiner Junge aus New York, genannt Kevin, besonders erfolgreich. Doch die wenigsten Kinderfilme beschäftigen sich mit ernsteren Themen. Ein Beispiel dafür ist der Miramax-Streifen House of Cards aus dem Jahre 1993: Sally Matthews, ein geniales, gerade mal sechs Jahre altes Mädchen erlebt ein traumatisches Ereignis, den Tod ihres Vaters. Sallys Papa war bei einer nächtlichen Besteigung einer Inkapyramide abgestürzt. Die Mutter kehrt daraufhin mit ihrer Tochter zurück in die USA, doch bei Sally zeigt der Vorfall höchst beunruhigende Nachwirkungen. Sie schweigt, und wenn sie sich doch äußert, dann in ohrenbetäubendem Geschrei, sie kapselt sich von ihrer Familie und Freunden ab und entwickelt sonderbare Fähigkeiten. Selbst der Autismus-Experte Jake (Tommy Lee Jones) ist ratlos und weiß ihr nicht zu helfen ...

Für den interessanten, tiefgehenden und nur wenig spaßigen Kinderfilm engagierte man James Horner als Komponist. 1993 war Horner zwar nicht mehr auf dem Höhepunkt seines qualitativen Schaffens, dafür aber auf quantitativen: ganze zehn Filmmusiken schrieb er in besagtem Jahr (wen wundert es da, dass sich Anleihen an andere Filmmusiken des gleichen und vorheriger Jahre finden!?). Der junge Kalifornier nahm in diesem Film die Gelegenheit war, einen sehr schönen, melodischen und sentimentalen Score zu komponieren. Dabei baut er auch musikalische (Pseudo-)Elemente der Mayas ein, vornehmlich (klischeebelastet) mit Panflöten. Bereits im ersten Track der Intrada-Scheibe, „Opening Credits – The Processional“, wird dies deutlich: Ein ruhiger Beat eröffnet und schon bald setzten Panflöten mit dem lieblichen, verspielten Thema für Sally ein. Das „Dschungel-Flair“ kommt hierbei nicht zu kurz, denn auch in Kombination mit anderen Flöten versprüht dieses Thema einen exotischen Charme. Contrakariert wird das ganze dann mit süßlichen Einsprengseln des Pianos, was den musikalischen Kontrast immens verstärkt. Dennoch entsteht kein Bruch in der Musik, denn Horner gelingt es durchaus, diese beiden Klangrichtungen fließend miteinander zu verweben.

Im weiteren Verlauf der Partitur offenbaren sich auch einige Schwächen: Horner verwendet oft lange Melodiebögen und langsame Streicherpassagen oder kreiert meditativ-sphärische Klänge durch den Einsatz von Harfen und Glockenspiel. Die beiden zentralen musikalischen Leitgedanken werden dabei zwar aufgegriffen und variiert, aber auf Dauer vermag auch der Einsatz von Panflöten, Klarinetten-Soli und dunkel-bedrohlichen Kontrabässen nicht wirklich zu fesseln. Ganz eingängig und süßlich-lieblich ist hingegen das Schlaflied-ähnliche Thema („Arriving Home“), bei dem ein leichter Hauch Exotik durch den sonst so westlich geprägten musikalischen Ansatz durchschimmert.

Das soll aber auch nicht heißen, dass die Musik nur repetetiv und monoton wäre. Quirlige und nervöse Streicherfiguren sorgen schon mal für Aufruhr, eine warnende Quinte in den höheren Tonlagen der Flöten und Streicherläufe, die nur zu sehr an Bedřich Smetanas Moldau aus dessen Vaterland-Zyklus erinnern, bringen Abwechslung in das Klangbild („The Roof“/„Near Accident“).

Das Mädchen Sally hat währenddessen einen Klinikaufenthalt hinter sich gebracht, jedoch ohne Zeichen von Besserung. Eines Abends baut sie ein riesiges Kartenhaus, das jedoch nicht den Gesetzen der Schwerkraft zu gehorchen scheint. Ihre Mutter schafft es aber, sie mit Hilfe eines nachgebauten Kartenhauses wieder zurück in die Realität zu holen. „Virtual Reality Pt. 1“ beginnt mit nervös-unruhigen Streichern und düsteren Klavierakkorden, nimmt jedoch überraschend Fahrt auf. Flöten und aufsteigende Streicherbewegungen bauen Dramatik auf, ohne dass die Musik ihren ansonsten ruhigen Charakter verliert. „Reunion In Time“ markiert das dramatische Finale, bei dem der Beat aus dem ersten Track wieder aufgegriffen wird, während einige Flöten im Hintergrund säuseln, andere dominierend das Thema aufgreifen und Shakuhachis endgültig für den Horner-Touch sorgen. Die verwendeten elektronischen Mittel fallen gar nicht mal so sehr auf.

Die intime und zurückhaltende Musik ist als knapp 60-minütiges Höralbum ein rundes Ding, wenngleich einige dramaturgische Durchhänger den Hörfluss gelegentlich trüben. Intrada geizte jedoch etwas mit der Limitierung, die mit 1500 Exemplaren eher spärlich ausfiel; ein Ausverkauf binnen 24 Stunden war das Resultat. Wer die Scheibe dennoch in seinen Händen halten möchte, muss sich vielleicht etwas in Geduld üben und die Augen offen halten. Lohnen tut es sich, sofern man sich auf die sentimentale Musik einlässt und Horner nicht gänzlich abgeneigt ist.

Ludwig Hollmann, 08.02.2010


Details zum Soundtrack



I. Die Musik

3.5 von 6 Punkten


I. Die Alben

-OST-

Spielzeit:
5 von 6 Punkten
Klangqualität:
5 von 6 Punkten
Schnitt:
3 von 6 Punkten
Begleittexte:
5 von 6 Punkten

Unterhaltung:
4 von 6 Punkten
Anspruch:
3 von 6 Punkten


Letzte Änderung: 14.08.2010 | Webmaster: Jonas Uchtmann | © Layout dieser Website by Adrian Werner & Jonas Uchtmann, 2002–2010.