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Rezensionen - In Search Of Peace
 


Lee Holdridge
-

Kein Volk dieser Erde erlebte eine Geschichte, die in so extremer Weise von Höhen und Tiefen geprägt war wie die des jüdischen Volkes. Unter Ramses II. wurden die Juden in Ägypten als Sklaven gehalten und konnten sich – der biblischen Erzählung zufolge – mit Gottes tatkräftiger Hilfe 1312 v. Chr. von dessen Unterdrückung befreien. 40 Jahre irrte das auserwählte Volk durch die Wüste, bis es schließlich im gelobten, von Gott verheißenen Land Kanaan ankam. Doch das jüdische Volk kam nicht zur Ruhe und wurde ca. 600 v. Chr. in babylonische Gefangenschaft gebracht. 66. v. Chr. fielen die Römer ein und unterdrückten fortan das jüdische Volk; die Zerstörung des Tempels von Jerusalem schien ihr Schicksal zu besiegen. Im Mittelalter waren sie als religiös-ethnische Gemeinschaft  unerwünscht, man verfolgte sie seit dem 12. und 13. Jahrhundert, verwendete sie als Sündenbock, nannte sie „Gottesmörder“ und „Brunnenvergifter“. Der Antisemitismus blühte im 20. Jahrhundert neu auf und gipfelte in dem von den Nazis organisierten größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte – der Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden. Die noch junge UNO entschied deshalb 1948, einen jüdischen Staat einzurichten. Die Probleme waren damit längst noch nicht gelöst, behaupten doch mehrere Volksgruppen, sie hätten Anspruch auf das Gebiet. Heute noch verkündet der iranische Ministerpräsident Mahmud Ahmadinedschad, der israelische Staat müsse von der Landkarte verschwinden …

In Search Of Peace ist ein vom Simon Wiesenthal Center produzierter und unter der Regie von Richard Trank gedrehter Dokumentationsfilm. In dem knapp zweistündigen Streifen wird die Geschichte des Staates Israel von seiner Gründung an bis ins ereignisreiche Jahr 1967 erzählt. Zu den zahlreichen interessanten Bildern wird die Chronik des jüdischen Staates hauptsächlich von Michael Douglas erzählt.

Für die Filmmusik zeichnete sich der eher weniger bekannte Komponist Lee Holdridge verantwortlich. Holdridge, 1944 in Port-au-Prince, Haiti, geboren, zeigte schon in frühen Jahren eine ausgeprägte Liebe zur Musik. Mit gerade mal 15 Jahren fasste er den Entschluss, Komponist zu werden; nach einem Umzug nach Boston beendete er dort seine Schullaufbahn und begann ein Studium der Komposition. In New York machte er sich mit seinen eigenen Werken, darunter auch Rockstücke, sowie seinen Vertonungen von Kurzfilmen einen Namen, bis man ihn dann Los Angeles holte, wo er 1970 seinen ersten Film vertonte (Jonathan Livingston Seagull). Seitdem hat er zahlreiche Fernsehserien und Filme – die hierzulande eher unbekannt sind – mit seiner Musik unterlegt.

Für diesen Dokumentarfilm komponierte Holdridge eine Musik mit sinfonischen Ausmaßen. „Der Regisseur und ich wollten etwas sehr Sinfonisches, etwas Mitreißendes, das zugleich einige unruhige, aufwühlende Momente haben sollte.“ Aus seinen Worten wurden Taten. Im ersten Titel, „Aliyah“, wird das einfühlsame und einprägsame Hauptthema vorgestellt. Zu Beginn flirren die Streicher und das sanfte, graziöse Thema wird von den Holzbläsern dargeboten. Dann übernehmen die Streicher das Ruder und werden dabei dezent von einem Chor begleitet. Der erste Teil des Themas ist mit seinen aufsteigenden Noten voller Hoffnung und Zuversicht, die dann abfallende Tonfolge bringt jedoch auch etwas Melancholisches mit sich. Holdridge schafft es, die abwechslungsreiche, von Hoffen und Bangen geprägte Geschichte des jüdischen Volkes mit ein paar Tönen einzufangen! Es folgt ein tänzerisch anmutender Part, in dem ein weiteres Thema eingeführt wird. Der dritte Teil des Tracks besteht aus einem Frage-Antwort-Spiel zwischen Orchester und Chor, das in einem intensiven Crescendo mündet. Im darauf folgenden Titel wird das Thema auf sehr interessante Weise variiert: Der B-Teil des Themas, die absteigende Tonfolge, rückt etwas in den Hintergrund, da sich ein hohes Horn mit einem wunderschönen Kontrapunkt in den Vordergrund drängt; gleichzeitig wird damit der melancholische Charakter vertrieben und es dominieren strahlende, optimistische Klänge. Holdridge ist jedoch auch imstande, dem Thema einen durch und durch tristen Charakter zu verleihen. In „Reflections 1“ verwendet er dazu ein einsames Soloklavier, das nur gelegentlich von einer Harfe begleitet wird. Zwischendurch tritt das Orchester mal in Erscheinung, wenngleich in reduzierter Version. Gefühle wie Isolation und Einsamkeit, die in der jüdischen Geschichte immer wieder anzutreffen sind, werden hier auf äußerst simple Art und Weise zum Ausdruck gebracht. Ein anderes Mal wird dem Thema mittels sanfter tiefer Celli ein tragischer Charakter zugewiesen („Reflections 2“). Das von kontinuierlichen Harfenarpeggien begleitete Stück entpuppt sich als vielseitig und variationsreich: Immer wechselt die dominierende Instrumentengruppe und gelegentlich ergeben sich dramatische Streicherkonstellationen. Eine hoffnungsvolle Solovioline behauptet sich in „Reflections 3“ gegen das schwerfällige, etwas unruhige Orchester und besticht mit ihrer sanften, berührenden Melodieführung.

Die dramatischen Momente der Partitur sind ebenfalls interessant: pochende Pauken, düstere Melodien und aufwühlende Percussion prägen diese Passagen („War Tensions“ / „War Tensions Return“). Das Blech hat nun eine dominantere Rolle, seien es dissonante Blechakkorde, Orchesterattacken oder heroisch angehauchte Melodien mit fanfarenartigen Trompeteneinwürfen („Palmach“). Snare Drums und weiteres Schlagwerk, aufwirbelnde Streicher und martialische Blecheinwürfe verleihen dem Film militärische Klänge („Oncoming War“). All diese Aspekte werden im Track „’56-57 War“ vereint. Das Blech beginnt heroisch mit einer aufsteigenden Figur, unterlegt mit perkussiven Elementen, später setzt das ganze Orchester ein, bei dem die tiefen Streicher mit schnellen Achteln den Rhythmus antreiben, hohe Klavierakkorde unterstützen die Dramatik. Nach vereinten Orchesterattacken wird das Thema pompös ausgespielt, von hohen, glanzvollen Glockenspielen begleitet. Der Titel mündet schließlich in ruhigere Gewässer, die punktuell von Paukenschlägen bedrohlicher skizziert werden, als sie zunächst erscheinen.

Um der Musik jüdische Klangfarben einzuhauchen greift Holdridge gelegentlich auf orientalisch anmutende Instrumente zurück (u.a. einen Schellenkranz). Doch damit ist es nicht genug. Holdridge selbst sagt: „Ich habe Melodien, die jeder mit Israel assoziiert, in die Musik miteingebunden, genau so, wie ein Komponist heimische Melodien in seine Symphonien miteinbaut, um ihr eine eigene Tonsprache zu verleihen.“ Selbstverständlich nutzt er dafür die israelische Nationalhymne, die er sanft in der Klangfarbe der Musik anpasst („Hatikvah 1“). Er verbindet diese Melodie dabei geschickt mit seinen Themen, so bleibt es nicht beim bloßen Aufgreifen der Melodie, er webt sie wortwörtlich in seine Musik mit ein. Im Finale greift er auf ein jüdisches Lied zurück, das schon John Williams in seinen Score zu Schindlers Liste integrierte. Auch wenn diese Melodie in ihrem Gestus eher tragisch veranlagt ist, Holdridge schafft es, ihr in einem grandiosen Schluss einen vor Hoffnung nur so strahlenden Anstrich zu verpassen.

Auf Wunsch des Regisseurs komponierte Lee Holdridge ein Thema für Golda Meir. Sie war langjährige Außenministerin Israels und von 1969 bis 1974 die erste Ministerpräsidentin des jüdischen Staates. In der „Golda Suite“ wird das Thema ausführlich dargeboten. Es ist thematisch eng mit dem Hauptthema verwandt, hat jedoch weniger melodramatische Züge. Holdridge unterzieht das Thema einigen Variationen, von denen sich die meisten auf die Instrumentenwahl beschränken.

Das eingangs erwähnte tänzerische Thema wird im Laufe des Scores erneut aufgegriffen. „Ba-Shana Haba“, was so viel heißt wie „nächstes Jahr“ ist ein sehr eingängiger Cue. Wenn es ein Thema gibt, das pure Zuversicht, Hoffnung und gnadenlosen Optimismus versprüht, dann ist es dieses.

Etwas aus dem Rahmen fällt der Song „It will be good“. Die siebenminütige Ballade in hebräisch passt sich zwar der Atmosphäre der Musik an, wirkt aber dennoch ein wenig wie ein Fremdkörper in dem symphonischen Score.

Lee Holdridge ist nach eigener Aussage mit der Musik sehr zufrieden. Seine Vorstellung, eine ausschweifende, mitreißende Komposition abzuliefern, ist ihm voll und ganz gelungen. Der 100-minütige komplette Score ist von Intrada im November 2009 im Rahmen der Signature Edition-Reihe veröffentlicht worden. Wie bei allen Holdridge-CDs wurde die Stückzahl mit 1000 Exemplaren sehr niedrig angesetzt. Es war also kein Wunder, dass sich dieses prachtvolle 2-CD-Set ziemlich schnell verkaufte, dessen Musik so gefühlvoll, packend, spannend, vielseitig und schlichtweg atemberaubend ist.
Ludwig Hollmann, 12.03.2011


Details zum Soundtrack



I. Die Musik

4.5 von 6 Punkten


I. Die Alben

-CD-

Spielzeit:
6 von 6 Punkten
Klangqualität:
5 von 6 Punkten
Schnitt:
4 von 6 Punkten
Begleittexte:
3 von 6 Punkten

Unterhaltung:
4 von 6 Punkten
Anspruch:
4 von 6 Punkten


Letzte Änderung: 19. 1. 2013 | Webmaster: Jonas Uchtmann | © Layout dieser Website by Adrian Werner & Jonas Uchtmann, 2002–2013.