Seit dem 8. Juli schwingt sich einer der mittlerweile populärsten Comichelden erneut über die Leinwände deutscher Kinosäle - die Rede ist von keinem geringeren als Spider-Man, als dessen Gegenspieler sich dieses Mal der von Alfred Molina verkörperte, verrückte Wissenschaftler Doctor Otto Octavius (kurz „Doc Ock") entpuppt. Zwar entwickelt sich die primär auf die jüngere Zuschauer-Generation ausgerichtete Geschichte um den schüchternen Peter Parker und sein heroisches Alter Ego auch dieses Mal nicht zu einem anspruchsvollen cineastischen Leckerbissen, als tricktechnisch beeindruckendes und zudem auch recht spannendes Unterhaltungskino hat Spider-Man 2 jedoch durchaus seine Berechtigung.
Musikalisch befand sich das ebenfalls von Sam Raimi inszenierte Sequel wieder in guten Händen: Wie im Falle von Teil 1 war auch dieses Mal der im Bereich der groß budgetierten Comic-Verfilmungen nicht unerfahrene Danny Elfman für die musikalische Untermalung des Leinwandgeschehens zuständig. So bekommt der Hörer erneut die gewohnt auf hohem qualitativem Niveau gefertigte und stilistisch prägnante Mixtur aus energischem Orchesterspiel und clever mit den orchestralen Anteilen vermengter Synthetik zu Gehör, welche auch schon weite Teile des ersten Spider-Man-Scores dominierte. Auch der Einsatz choraler Elemente fällt nicht gering aus, hauptsächlich in Verbindung mit den zahlreichen Variationen des Hauptthemas sowie im Finale („At Long Last, Love") tritt der gemischte Chor sehr kraft- und stimmungsvoll in Erscheinung.
Zentrale thematische Grundgedanken der Spider-Man-2-Partitur sind weiterhin das heroische Spider-Man- und das etwas unscheinbarere Peter-Parker-Thema, deren Vorstellung sich (wie auch im ersten Score) der „Main Title" widmet, der außer einigen Abänderungen in der Instrumentierung und einem neuen, 20-sekündigen Intermezzo vom Aufbau her fast identisch ausfällt wie der des ersten Spider-Man-Scores. Auch das sich aus den beiden Hauptthemen entwickelnde Love Theme für die sich im Verlauf der Geschichte intensivierende Liebesbeziehung zwischen Peter Parker und seiner Jugendliebe Mary Jane tritt wieder recht stark in den Vordergrund, insbesondere in den Tracks „M.J.'s New Life / Spidus Interruptus" und „A Phone Call / The Wrong Kiss / Peter's Birthday". Im vorletzten Track des Score-Albums („The Goblin Returns") verwendet Elfman sogar kurz das bereits aus Teil 1 bekannte, latent bedrohliche Goblin-Motiv, welches schon eine Aussicht auf einen möglichen dritten Teil der Spider-Man-Saga gewährt.
Neben dem geschickt variierten thematischen Material des ersten Teils sorgen jedoch auch zwei neue Motive für Spider-Mans Gegenspieler Doc Ock für leitmotivische Abwechslung. So schrieb Elfman ein absteigendes, ehrfurchteinflößendes Hauptmotiv für den achtarmigen Bösewicht und des Weiteren ein stampfend-schwerfälliges, meist von den Blechbläsern vorgetragenes (achtnötiges!) Actionmotiv, mit dem besonders in den Actiontracks „The Bank / Saving May" und „Train / Appreciation" intensiv gearbeitet wird. Wesentlich häufiger als das Actionmotiv wird jedoch das primäre Doc-Ock-Hauptthema verwendet, welches bereits im „Main Title" kurz angespielt wird und schließlich im Verlauf des Scores in vielfältigen Variationen zu hören ist. Zwei sehr interessante Beispiele für die variationstechnisch geschickte Verwendung der Melodie sind erstens der finale Actioncue „Armageddon / A Really Big Web", in dem das Bösewicht-Motiv mit dem heroischen Spider-Man-Hauptthema kontrastiert wird und ebenso der Track „Doc Ock Is Born", der das Thema dem Hörer in Verbindung mit markanten col legni der Streicher, harschen Bläsersätzen und Synth-Percussion à la Planet of the Apes darbietet.
Zusammenfassend sind die neuen melodischen Einfälle in Spider-Man 2 somit sehr inspiriert ausgefallen und auch bezüglich des Abwechslungsreichtums durch Variationen und Einbindungen in das bereits vorhandene musikalische Material gibt es wenig zu beanstanden. Der qualitative Unterschied zum ersten Score kann nur als minimal bezeichnet werden, so findet man im Score zum Beispiel keine grundlegend neuen konzeptionellen Veränderungen im Vergleich zu Teil 1 und auch einige Wiederverwendungen alten Materials (vgl.: „Revenge" aus Teil 1 --- „Train / Appreciation") lassen sich unweigerlich ausfindig machen. Von einem bloßen Aufwärmen alter Ideen kann jedoch absolut keine Rede sein und somit lässt sich meines Erachtens, wie auch bei Teil 1, eine Bewertung im 4-Punkte-Bereich bedenkenlos rechtfertigen.
Fazit: Spider-Man 2 bestätigt erneut Danny Elfmans Ruf als großen Könner seines Metiers. Die musikalisch kompliziert verschachtelte Kompositionsweise und Elfmans stilistische Eigenständigkeit machen den zweiten Spider-Man-Score nicht nur zu einem qualitativ hochwertigen Musikerlebnis, sondern ebenso zu einem der unterhaltsamsten und mitreißendsten Filmscores der zweiten Jahreshälfte, der all denen empfohlen werden kann, die bereits die hohe Qualität des Vorgänger-Scores zu schätzen wussten. Das Score-Album von Sony, das in den USA übrigens erst ab dem 27. Juli käuflich zu erwerben ist, präsentiert die Musik in einwandfreiem Klang und auch das (im Gegensatz zum Song-Album) sehr ansprechende Cover-Design kann sich sehen lassen.
Parallel zum Score-Album erschien auch eine „Music From and Inspired by the Motion Picture"-Song-Compilation, auf der sich jedoch nur zwei vierminütige Suiten aus Danny Elfmans Score befinden. Wer also nicht unbedingt auf Mainstream-Rock von Interpreten wie Dashboard Confessional, Tacking Back Sunday oder Midtown steht (was jedoch im Kreise eingefleischter Filmmusik-Fans eher nicht zu befürchten ist), sollte folglich lieber zum Score-Album greifen.
Sebastian Schwittay, 15.07.2004
Details zum Soundtrack