
Zwischen Genie und Agonie:
Die Filmmusik Alfred Schnittkes (Teil 2)
Ein Special von Sebastian Schwittay
Nur wenige Komponisten der ehemaligen Sowjetunion widmeten sich derart intensiv der Filmmusik wie Alfred Schnittke (1934–1998): mit über 60 Filmvertonungen legt der deutsch-russische Komponist, der sich seinen Lebensunterhalt lange Zeit nur mit Filmkompositionen verdienen konnte, ein Teil-Œuvre vor, welches allein mengenmäßig gleichbedeutend neben seinem umfangreichen Schaffen für den Konzertsaal steht – letzteres umfasst unter anderem neun Sinfonien, zwei Opern, sechs Concerti grossi, diverse Solokonzerte und Chorwerke, sowie zahlreiche kammermusikalische Werke, darunter Sonaten für Klavier, Violine und Violoncello, ein Klavierquintett und vier Streichquartette. Doch nicht nur quantitativ, auch auf qualitativer Ebene beeindruckt Schnittkes filmmusikalisches Schaffen, dessen Neueinspielung und CD-Veröffentlichung sich seit 2002 der Berliner Dirigent Frank Strobel widmet.
Noch mehr als für seinen Landsmann Dmitri Schostakowitsch (der ebenfalls zahlreiche Filmmusiken schrieb) war die Tätigkeit als Filmkomponist für Schnittke attraktive künstlerische Perspektive, nicht allein einfacher Broterwerb: Vielfach nutzte der Komponist das relativ freie Medium Film als Experimentierfeld und zur Erprobung polystilistischer Konzepte, welche später auch Eingang in verschiedene seiner Konzertwerke finden sollten. Jedoch beeinflussten sich Konzert- und Filmmusik Schnittkes durchaus wechselseitig – so übernahm er auch aus seinen Konzertwerken des Öfteren Material in seine Filmvertonungen. Schnittke selbst jedenfalls betonte stets die Gleichwertigkeit seiner Filmmusik und seiner Kompositionen für den Konzertsaal, hielt darüber hinaus auch wenig von der bis heute gängigen, starren Unterscheidung zwischen E-, U- und Gebrauchsmusik. Diese offene Einstellung deckt sich mit Schnittkes ebenso undogmatischer, polystilistischer Kompositionsweise, die auf eine möglichst konstruktive und unkonventionelle Verschränkung verschiedenster musikalischer Stilebenen ausgerichtet ist.
Bislang erschienen auf dem Label Capriccio vier Alben mit Filmmusik Alfred Schnittkes, eingespielt vom Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester unter der Leitung Frank Strobels. Zu den beiden ersten Veröffentlichungen (siehe hierzu den Artikel von Jonas Uchtmann) gesellte sich im Jahr 2007 Volume 3 der Schnittke-Filmmusik-Reihe, mit von Strobel zusammengestellten Suiten aus den Filmmusiken zu Das Märchen der Wanderungen und Rikki-Tikki Tavi.

Das Märchen der Wanderungen (UdSSR, ČSSR, Rumänien 1982/83, Regie: Alexander Mitta) erzählt die Geschichte der beiden verwaisten Geschwister Marta und Mai. Obwohl Mai in der Lage ist, Gold und andere Schätze aufzuspüren, leben beide in bitterster Armut – seine übersinnliche Fähigkeit beschert Mai nämlich fürchterliche Kopfschmerzen. Als Mai eines Tages entführt wird, macht sich Marta auf die lange, beschwerliche Reise, ihren Bruder zu retten. Unterwegs trifft sie auf den Arzt und Philosophen Orlando, der sie fortan auf ihrem Weg begleitet. Als Marta ihren Bruder schließlich findet, muss sie feststellen, dass ihn die Schätze, die er für seine Entführer aufspüren musste, zu einem vom Reichtum verblendeten, rücksichts- und skrupellosen Menschen gemacht haben ...
Die moralisierende, düstere Mischung aus Fantasy-, Abenteuer-, Kinder- und Märchenfilm versah Schnittke mit einer melancholisch-schwermütigen Vertonung, die über weite Teile von einem einzigen, barock anmutenden thematischen Einfall getragen wird. Dennoch erklingt der dem Rondo-Thema aus Schnittkes erstem Concerto grosso nicht unähnliche, Sequenz-artige Gedanke im Verlauf der Musik in verschiedensten extravaganten Instrumentierungen und stilistischen Kontexten, etwa als zärtliche ‚Liebesmusik’ für Marta und Orlando in „Liebeserklärung“ (zuerst in Form eines betörend schönen, zerbrechlichen Dialogs zwischen Violine und Cello, später auch wechselnd von Oboe und Flöte vorgetragen und vom Schnittke-typischen Cembalo begleitet) oder aber, auf das harmonische Grundgerüst reduziert, als treibende, poppig-tänzerische Variation mit Klavier, E-Orgel, Ondes Martenot und Jazz-Schlagzeug im „Maitanz“. Auch im skurril-flirrenden „Menuett“ taucht das Thema auf, hier humorvoll begleitet von seufzenden Stößen der E-Gitarre. Klassischer, in großorchestral-wuchtigen Steigerungen, präsentiert sich das Thema im einleitenden „In der Fledermaushöhle“ (am Ende in kakophonen Klangtürmungen gipfelnd) oder auch im „Finale“.
Trotz ihrer kontrastreichen, polystilistischen Dramaturgie, die E auf U, Lyrisches auf Groteskes und barocken Glanz auf mahlersche Ländler prallen lässt, fällt Schnittkes Filmmusik nie auseinander, bleibt viel mehr eine kohärente, in sich geschlossene musikalische Erzählung, sowohl als von den Bildern losgelöstes Hörerlebnis, als auch innerhalb des Films. Regisseur Alexander Mitta, mit dem Schnittke insgesamt sechs mal zusammenarbeitete, äußerte sich über die Konzeption der Filmmusik äußerst positiv: „Schnittkes Musik besitzt eine ungewöhnliche Eigenschaft: sie geht gleichsam im Film auf. In Das Märchen der Wanderungen bedauerte ich das und versuchte, die Musik stärker in den Vordergrund zu bringen. Ich versuchte, die Geräuschkulisse und den Text etwas zurückzunehmen und machte die Musik so zu einem wesentlichen formbildenden Faktor. Aber selbst dann wirkte sie nicht vordergründig, sondern ergänzte und verbesserte die Filmepisode. Sie ist von dem Ganzen nicht zu trennen.“
Stilistisch einheitlicher und in ihrer spätromantischen Üppigkeit auch eher dem „klassisch“-großorchestralen Hollywood-Sound verpflichtet ist dagegen Schnittkes Vertonung des auf der gleichnamigen Erzählung aus Rudyard Kiplings ‚Dschungelbuch’ basierenden Zeichentrickfilms Rikki-Tikki-Tavi (UdSSR, Indien 1975, Regie: Alexander Sguridi). Die Abenteuer des Mungos Rikki-Tikki, der im indischen Dschungel eine Menschenfamilie gegen die Kobras Nag und Nagaina verteidigt, spiegeln sich bereits im episch-triumphalen Hauptthema der Partitur, welches in der „Titelmusik“ aus einem zwielichtig-nebulösen Bassfundament schnell zu prächtiger Größe erwächst. Der Polystilist Schnittke ist in dieser für ihn eher traditionell gehaltenen Musik natürlich dennoch zu spüren, so etwa wenn das Thema im Verlauf der „Titelmusik“ klassizistische Züge annimmt und schließlich sogar vom Jazz-Schlagzeug (!) begleitet wird.
Neben den Schnittke-typischen Besonderheiten in der Instrumentierung (E-Gitarre, E-Orgel, Glockenspiel) fällt im Verlauf der Komposition weiterhin eine sehr farbige, dem exotischen Schauplatz der Handlung Rechnung tragende perkussive Gestaltung auf, etwa jeweils zu Beginn der beiden ausgedehnten, dramatischen Steigerungssätze „Bedrohung und Rettung“ und „Kampf“ – beides zweifellos besondere Höhepunkte des Albums. Einen originellen musikalischen Gag gibt es schließlich auch noch: im kurzen, beinahe miniaturhaften Intermezzo „Legende“ lässt Schnittke Holzbläser und Trompete die ersten vier Noten des Peter-Themas aus Sergeij Prokofieffs „Peter und der Wolf“ anstimmen, passend zu den märchenhaften Mensch-Tier-Beziehungen, die beide Stoffe prägen.
Für Schnittke-Einsteiger dürfte Volume 3 der Schnittke-Filmmusik-Edition das wohl geeignetste Album der Reihe sein, so bietet insbesondere „Das Märchen der Wanderungen“ einen grundlegenden Einblick in die polystilistische Arbeitsweise des Komponisten, ohne dabei den noch „unbeleckten“ Hörer mit allzu schroffer Modernität und experimenteller Radikalität zu konfrontieren – die beiden auf dem Album vertretenen Filmmusiken sind hierbei auch zweifellos die emotional zugänglichsten und melodisch reichhaltigsten der bisher in der Reihe veröffentlichten Vertonungen. Nichtsdestotrotz erfordert die ungewöhnlich einnehmende, ständig zwischen Melancholie und skurriler Absonderlichkeit pendelnde Atmosphäre der Schnittke-Filmmusik eine besondere Hingabe seitens des Hörers – diese lohnt sich aber in jedem Fall, besonders für diejenigen, die auf der Suche nach einer erfrischenden Abwechslung vom filmmusikalischen Hollywood-Einerlei unserer Tage sind. (11.12.2009)
Eine Fortsetzung mit Rezensionen zu den verbleibenden zwei Schnittke-CDs folgt in Kürze!
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Links:
Capriccio * www.capriccio.at
cpo * www.cpo.de
Frank Strobel * www.frankstrobel.de
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