Zwei Jahre vor Star Wars und seinem endgültigen Durchbruch zum Superstar des Filmmusikbusiness schrieb John Williams zum klassischen Horrorfilm Jaws von Steven Spielberg das wohl kürzeste zweifelsfrei identifizierbare (Leit-)Motiv der Musikgeschichte. Als simples Sekunden-Intervall für sich genommen Ausdruck höchster Banalität, verdankt das berühmte 2-Noten-Motiv für den Weißen Hai seine ungeheure Popularität der meisterlichen motivischen Verarbeitung. Ähnlich wie beim berühmten Kopfmotiv aus Beethovens fünfter Sinfonie kommt es auch im Weißen Hai nicht so sehr auf den motivischen Einfall an sich an, sondern vielmehr auf das, was der Komponist mit ihm anzufangen weiß.
Jaws gehört zweifellos zu den größten musikdramaturgischen Leistungen Williams', doch auch unter kompositorischen Gesichtspunkten nimmt seine zweite Oscar-prämierte Partitur einen der Spitzenplätze im Œuvre des Komponisten ein. Bereits der Eröffnungscue ist eine der wirkungsvollsten Kompositionen Williams'. In nur gut einer Minute steigert der Komponist das Hai-Motiv von einer leisen, nuancierten Bewegung im Bassregister (Kontrabass und Kontrafagott im unisono) zu einem gewaltigen, von unverhohlenem Terror erfüllten Aufschrei des gesamten Orchesters. Im Folgenden zieht sich das Hai-Motiv gleich einem perpetuum mobile durch den gesamten Score und wird primär in den Nebenstimmen und als Ostinato-Motiv fortwährend zu Phrasen augmentiert. Besonders kraftvoll ist Williams eine solche Steigerung und Erweiterung des motivischen Materials im bedrohlich an- und abschwellenden Track „The Empty Raft" gelungen. Packend sind jedoch auch die zentralen Actioncues des Scores, das bombastische „Man against Beast" sowie die Tracks „The Shark hits the Cage" und „Blown to Bits".
Obwohl Williams' Handschrift im Jahre 1975 bereits voll ausgeprägt war, lässt sich in Jaws eine Inspiration durch die Thriller-Musiken Bernard Herrmanns und das Werk des französischen Impressionisten Claude Debussy nicht leugnen. Reminiszenzen an die herrmannschen Scores Psycho und Beneath the 12-Miles Reef ergeben sich beim Hören von Tracks wie „Ben Gardner's Boat" quasi zwangsläufig. Stimmungen für Holzbläser und Harfe, die an Debussys sinfonische Skizze „La Mer" gemahnen, bleiben da vielleicht zunächst im Verborgenen, lassen sich aber beim mehrfachen Hören ebenso eindeutig nachweisen („The Alimentary Canal", „Quint's Tale"). Als letzte wichtige Inspirationsquelle darf Strawinskys expressionistisches Meisterwerk „Le Sacre du Printemps" nicht fehlen, dem Williams mit dem berühmten Zweitonmotiv gekonnt seine Referenz erweist.
Doch der Score hat weit mehr zu bieten als unwirtliche Spannungsmomente, er enthält vielmehr auch einige schöne lyrische Passagen für Streicher und Harfe („Father and Son"), sowie dezent heroische Momente, zusammengehalten durch eine markante, eher filigran denn pathetisch anmutende Trompeten-Fanfare („Montage"). Teilweise macht der Komponist Gebrauch von neobarocken Formschemata, der Track „Montage" etwa ist fast durchgehend fugiert gesetzt. Des Weiteren mischt Williams in Jaws die polyphonen Elemente gelegentlich auf besonders reizvolle Weise mit den für ihn typischen, lebhaft-verspielten Scherzi.
Bleibt nur noch die Frage, für welche der derzeit auf dem Markt erhältlichen Veröffentlichungen man sich entscheidet. Mit der 25th Anniversary-Ausgabe auf Decca, die den vollständigen Score enthält, macht man zwar sicherlich nichts falsch, doch leider klingt die Aufnahme trotz aufwändigem Remastering recht dumpf und trocken. Meine Empfehlung gilt daher der interpretatorisch und klanglich superben, editorisch immerhin befriedigenden Neuaufnahme auf Varèse Sarabande. Joel McNeely und das Royal Scottish National Orchestra erweisen sich der technisch anspruchsvollen Partitur als durchaus gewachsen. Insbesondere wer John Williams' hervorragenden Horrorklassiker noch nicht sein Eigen nennt, sollte daher dieser Neueinspielung eine Chance geben. Dem geneigten Hörer empfiehlt es sich natürlich, beide Komplettfassungen anzuschaffen und sollten ihm diese immernoch nicht genügen, so kann er auch ruhigen Gewissens zum auf CD (bei MCA) erschienen Originalalbum von 1975 greifen, das mit knapp 35 Minuten Spielzeit die Höhepunkte der Musik in konzertanten Arrangements mustergültig zusammenfasst und daher eine durchaus lohnende weitere Ergänzung zu einer der beiden obligatorischen Komplettversionen darstellt.
Jonas Uchtmann, 02.03.2005