03.04.2004
Oliver Stones Antikriegsfilm Born On The 4th Of July bedeutete 1989 die Wandlung des Teenie-Idols Tom Cruise zu einem seriösen Schauspieler. Seine Darstellung eines patriotischen US-Marines im Vietnam-Krieg, der nach einer Verwundung sein Leben lang an den Rollstuhl gefesselt bleibt und, zunächst frustriert ob der stärker werdenden Friedensbewegung in der Heimat, schließlich mithilfe einer Jugendfreundin doch noch die Sinnlosigkeit des Krieges erkennt, brachte dem damals 27-Jährigen einige Lorbeeren ein. Insgesamt dürfte Stones Film trotz einiger inhaltlicher Mängel und Fehler in der Charakterzeichnung den Großteil der (amerikanischen) Zuschauer wesentlich stärker angesprochen haben als viele andere filmische Verarbeitungen des Vietnam-Traumas. Für die musikalische Untermalung des Films sorgen mehrere dramaturgisch sinnvoll platzierte Rock- und Popsongs der Ära sowie ein rein orchestraler, meisterlicher Score von John Williams. Entsprechend dieser klaren Trennung finden sich auf dem Soundtrack-Album von MCA beide Elemente wieder, was dazu führt, dass Williams' Musik mit nur etwa 25 Minuten vertreten ist. Diese befinden sich immerhin, von den Songs isoliert, ausschließlich am Ende der CD. Trotz der mageren Spielzeit ist die Anschaffung von Born On the 4th Of July essenziell; es handelt sich um eines der wichtigsten und besten Werke Williams'. Der Komponist setzt fast ausschließlich auf ein üppig dimensioniertes Streicherensemble und breite Passagen für Solo-Trompete, wobei sich die Tonsprache spürbar, jedoch ohne zu plagiieren, bei Samuel Barbers berühmtem „Adagio for Strings" und Ralph Vaughan Williams' „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis" anlehnt. Drei im Ausdruck sehr unterschiedliche Themen bilden die motivische Grundlage der Partitur. Das erste, eine eindrücklich mahnende, von tiefer Trauer getragene Trompeten-Elegie (herausragend interpretiert von Tim Morrison), bildet in Form von Prolog und Epilog einen Rahmen um den Rest der Musik. Zwei weitere melodische Gedanken stellt der Komponist in „The Early Days, Massapequa, 1957" vor: Einerseits ein höchst ausdrucksvolles, emotional aufgeladenes Streicher-Thema und zum anderen eine warme Americana-Melodie, dargeboten ebenfalls von der Trompete. Wie Williams hier bei allen drei Themen den problematischen Balanceakt zwischen Unaufdringlichkeit bei gleichzeitiger emotionaler Intensität bewältigt hat, kann man nur als herausragend und in der Umsetzung überaus geschickt bezeichnen; ein derart beeindruckendes Resultat hat der Komponist auch in seinen späteren Streicher-dominierten Dramen-Vertonungen, etwa Schindler's List oder Angela's Ashes, nicht mehr erreicht. Nicht nur thematisch ist Geboren am 4. Juli eine Partitur der Kontraste: Den schwermütigen, jedoch stets harmonischen Streicher-Adagios stehen teilweise modernistische, dissonante Orchestersteigerungen gegenüber („The Shooting Of Wilson"), die überwiegend atmosphärisch ausfallen. Im starken Gegensatz dazu nähert sich Williams in „Homecoming" sogar ein Stück den source cues an, indem er das Americana-Thema in einer leichteren, dezent vom Schlagzeug untermalten Variante präsentiert. Im 6-minütigen Finale entfaltet sich das thematische Material noch einmal in einer besonders gekonnt komplilierten Konzertfassung, die mit einer klagenden, sich über zwei Oktaven erstreckenden Trompetenfigur schließt. Wem sich die Möglichkeit ergibt, noch an ein Exemplar der langsam seltener werdenden CD zu gelangen, der sollte unbedingt zuschlagen – John Williams' hochdramatische, tiefempfundene und völlig unprätentiöse Musik dürfte auch weniger leidenschaftliche Naturen nachhaltig begeistern und bewegen.
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